Der Aufstieg der PSPs: Größer und besser als die Banken

1. Januar 2020

 Der Aufstieg der PSPs: Größer und besser als die Banken

„Banken haben nicht gesehen, wie wichtig die Kundenerfahrung ist. Diese Lücke haben andere Unternehmen gefüllt und den Banken einen Teil dieses Kundengeschäfts abgenommen – und zwar alles, was mit E-Commerce zu tun hat“, so Mollies CEO Gaston Aussems. Er erklärt die Synergie zwischen E-Commerce und Zahlungen und die wichtige Rolle, die Payment Service Provider (PSPs) wie Mollie dabei spielen. Aber wie ist es dazu gekommen, dass Online-Händler mit PSPs einfach verschiedenste Zahlungsmöglichkeiten in ihre Webshops einbauen können? Warum haben PSPs die Banken im Spiel der E-Commerce-Zahlungen übertrumpft?

Ein Technologieunternehmen

„Traditionell waren Banken in Europa für Zahlungsdienstleistungen von Privat- und Geschäftskunden zuständig. Aber dann hat sich um 2005 etwas geändert: der Boom des E-Commerce und die Finanzkrise. Rund um den E-Commerce ist ein ganz neues Wirtschaftssystem entstanden“, so Gaston. Die Händler machten von Online-Warenkörben Gebrauch. Und genau das hat den Banken übel mitgespielt. „Um Zahlungsmöglichkeiten anzubieten, brauchte man eher ein Technologieunternehmen als einen Finanzdienstleister.“

Trotzdem wagten auch Banken den Schritt und haben sich Lösungen einfallen lassen. „Doch diese Produkte waren nicht einfach zu integrieren“, sagt Gaston. Es war eine ziemlich hohe Hürde für die Händler, deren Produkte zu nutzen. Sie boten den Händlern auch Banküberweisungen an, die nicht ideal waren. „Händler setzen auf Geschäftsabschlüsse mit Zahlungsgarantie und versenden dann die Waren“, erläutert Gaston. „Wenn ein Kunde per Überweisung zahlt, wird die sogenannte Customer Journey jäh unterbrochen, verzögert sich wegen der länger dauernden Zahlung das Geschäft insgesamt und auch der Warentransport.“ Dies alles würde zu niedrigeren Konversionsraten führen.

Bedarf der Händler sieht anders aus

Hinzu kommt, dass Banken nicht die Zahlungsmethoden im Angebot hatten, die die Händler benötigten, beispielsweise Kreditkarten oder beliebte Online-Zahlungsmethoden wie PayPal. Die Händler waren gezwungen, sich an jedes Zahlungsunternehmen einzeln zu wenden und einen Deal auszuhandeln. Für die Integration der Zahlungsmethoden mussten sie selbst sorgen. Kompliziert waren auch die separat und zu unterschiedlichen Zeitpunkten eintreffenden Abrechnungen und das Verbuchen der offenen Posten je nach Zahlungsmethode.

„Der Bedarf der Händler sah eindeutig anders aus“, stellt Gaston fest. Der E-Commerce führte also zum Bedarf anderer Zahlungsdienstleistungen, dem die Banken nicht gerecht wurden. Dann brachte auch noch die Finanzkrise von 2008 vieles durcheinander. Gaston zufolge waren die „Banken zu der Zeit vollkommen nach innen orientiert.“ Sie fürchteten um ihre Existenzgrundlage und Innovationen wurden ausgebremst. Da spielten sich die PSPs in den Vordergrund. Im Vergleich zu den Banken konnten PSPs viel besser umfassendere und ausgeklügeltere Zahlungsdienstleistungen bereitstellen. Eine Integration, ein Vertrag, eine Abstimmung.“

Etwas Unmögliches

Inzwischen sind PSPs als vollwertige Finanzdienstleister anerkannt, aber das war nicht immer der Fall. „Im Kern sind PSPs Tech-Unternehmen, die dafür gesorgt haben, dass Zahlungsdienste in die gesamte Customer Journey der von den Händlern eingesetzten Warenkorb-Software integriert wurden. Gaston führt weiter aus: „Eigentlich haben die PSPs nie den Titel Finanzdienstleister beansprucht. Doch seit der Verabschiedung der EU-Zahlungsdiensterichtlinie (PSD) im Jahr 2009 muss sich jedes Unternehmen, das mit Drittmitteln umgeht, an die Regeln dieser Verordnung halten. Das zeigt, welch wichtige Rolle die PSPs in der heutigen Welt spielen.

Laut Gaston ermöglichen die FinTech-Unternehmen (ausgestattet mit Technik und Finanztechnologie) wie PSPs den Finanzdienstleistern etwas, das früher unmöglich gewesen wäre. „Durch das Abkoppeln der Nutzererfahrung mit den im Hintergrund bereitgestellten Leistungen lässt sich nun alles auf eine einzige Nutzererfahrung für alle, von verschiedenen Unternehmen bereitgestellten Dienste reduzieren.“

Wo bleiben da nun die Banken?

„Den Banken bleibt jetzt nur noch die Aufgabe, die Infrastruktur intakt zu halten (also die Leitungen und die Schienen). Währenddessen lenken die FinTech-Unternehmen den Zug über diese Schienen und, was noch wichtiger ist, übernehmen auch die Beziehung zum Kunden,“ so Gaston. Aber auch wenn Banken eine Vielzahl von Zahlungsmethoden anbieten können: „Sie verfügen nicht über die nötigen Verbindungen zu den Ökosystemen wie Magento oder Shopify, die die Händler verwenden. Wir [Mollie] bauen Module für diese Plattformen – und davon eine ganze Menge.“

Stets mehr PSPs und FinTech-Unternehmen spezialisieren sich auf eine Dienstleistung, die oft günstiger und schneller als die der Banken ist. Das führt laut Gaston dazu, dass „den Banken nicht nur Zahlungen, sondern alle rentablen Elemente von Bankdienstleistungen abhandenkommen.

Wie PSPs mit Big Techs und Big E-Commerce mithalten können

„In Europa und den USA gewinnen Big E-Commerce-Unternehmen und Big Techs immer mehr an Macht“, so Mollies CEO Gaston Aussems. Damit meint er E-Commerce-Giganten wie Amazon und Tech-Unternehmen wie Apple. Durch ihr sprunghaftes Wachstum beanspruchen sie ein gewaltiges Stück vom Kuchen der Zahlungswelt.

Daten und die reibungslose Customer Experience

Warum greifen Big Techs und Big E-Commerce-Unternehmen in Zahlungsdienste ein? – Daten. Daten sind ihnen so viel wert, weil sie ein wirksames umsatzgenerierendes Mittel sind. Gaston verdeutlicht dies: „Wenn Sie etwas über einen anderen Online-Händler mit Amazon Pay (Zahlungsdienst von Amazon) kaufen, verwendet Amazon diese Daten, um Ihnen auf der eigenen Website passende Produkte anzuzeigen. Sie spekulieren darauf, dass sich diese verbesserte Customer Experience in Form von höheren Umsätzen auszahlt.“ Eigenständige Zahlungsprodukte von Big Techs wie Apple und Google erweitern die Angebotspalette und sorgen für mehr Touchpoints mit den Verbrauchern.

Und Unternehmen wie Zalando, Coolblue und Veepee aus dem Bereich Big E-Commerce setzen auf sogenannte „Checking in“-Konzepte, um das Einkaufen und Zahlen einfacher zu gestalten. Gaston erläutert: „Der „Check-in“ ist der Zeitpunkt, zu dem Sie sich anmelden. Der Webshop begrüßt Sie als Kunde mit „Willkommen zurück“. Am anderen Ende können diese Giganten dann Ihre Einkäufe mitverfolgen und Ihnen Artikel anzeigen, die vermutlich auf Ihr Interesse stoßen. Steht der Checkout bevor, wissen sie schon genau, wie Sie am liebsten zahlen und wie Ihre Adresse lautet. Denn Sie wurden schon beim Anmelden identifiziert.“ Ein Klick auf die Schaltfläche „Jetzt kaufen“ genügt: Alles wird bezahlt und die Lieferung in die Wege geleitet. „Anhand der Daten“, so fügt Gaston hinzu, „können sie Ihnen so eine sehr reibungslose Customer Experience verschaffen.“

Entstehung von Ökosystemen

Doch nur große Online-Händler können sich laut Gaston den Check-in erlauben. „Denn für sie lohnt sich das Erstellen eines Kundenprofils, indem sie eine Unmenge an Produkten und Diensten anbieten, die die Menschen wiederum zu noch mehr Käufen anregen. Dort will man nicht bei jedem neuen Kauf wieder alle Details eingeben müssen.“

Kredite, Marktplätze für Händler und sogar Gesundheitsversorgung werden im Rahmen von Big E-Commerce angeboten. Einige von ihnen wickeln nach dem Vorbild von Amazon auch selbst ihre Zahlungen ab.

Gaston schätzt, dass „den Big E-Commerce-Unternehmen am Ende daran gelegen ist, dass Sie als Kunde alles, was Sie brauchen, von ihnen beziehen.“ Dieses Phänomen gleicht einem Schneeballeffekt. Gaston beschreibt es so: „Je mehr Sie bei den Großen kaufen, desto mehr erfährt man dort über Sie, desto besser durchgründet man Ihren Bedarf und desto mehr kann man Ihnen verkaufen. Wenn dann noch Serviceleistungen wie kostenlose Lieferung und Kundenvorteile hinzukommen – siehe Bol Select oder Amazon Prime – macht das diese Händler nur noch attraktiver für Verbraucher.“ Und aus dieser ganzen Entwicklung geht der „Aufstieg der E-Commerce-Ökosysteme hervor.“

Digitale Zahlungen sind allgegenwärtig

Wo genau bleiben da die PSPs? Sie werden natürlich auch weiterhin Zahlungen für Händler-Webshops und auch für einige der großen Ökosysteme selbst bereitstellen. Aber es gibt immer noch viele andere Möglichkeiten, die sie beim Schopf packen können.

„Haben Sie sich schon mal Mahlzeiten liefern lassen?“ – lautete eine Frage von Gaston. „Dafür hat ein Unternehmen die Zahlung ermöglicht.“ PSPs können kleineren E-Commerce-Plattformen auch Zahlungen und weitere Dienstleistungen wie Kontenabstimmung und Betrugsschutz-Maßnahmen anbieten. Denn, so Gaston, „das erspart diesen Plattformen Zeit, Geld und Aufwand, da sie keinen Lizenzpartner mit der Zahlungsabwicklung beauftragen müssen.“ Die B2B-Anteil im E-Commerce ist für PSPs auch leicht zu erobern. „Das ist der Grund dafür, dass wir auf unserer Plattform so viele Integrationen bereitstellen“, merkt Gaston an. „Wir möchten unseren Kunden zu möglichst großem Erfolg verhelfen – unter Umständen durch das Angebot zusätzlicher Unternehmensdienstleistungen.“

Erklärend fügt er hinzu: „Die Leute besitzen immer weniger selbst, dafür teilen oder leasen sie immer mehr. Dieser Trend wird sich weiter fortsetzen. Das heißt, dass Abonnements immer mehr zum Alltag gehören.“ Ikea führt gerade ein Pilotprojekt für das Leasen von Möbeln durch. Und durch Unternehmen wie Green Wheels können die Menschen sich nach Bedarf einen Mietwagen leihen. Inzwischen können Sie sogar Haushaltsgeräte von Webshops wie Coolblue, oder Fahrräder von Unternehmen wie Swapfiets auf Mietbasis beziehen. Deshalb haben wir (Mollie) das System eCurring bedacht“, so Gaston. Die Einrichtung und alles rund um die Verwaltung von Abonnements wird einem damit leicht gemacht.

Dies alles macht deutlich, dass „E-Commerce-Zahlungen nur einen kleinen Teil des Zahlungsmarktes ausmachen“, so Gaston: „Im Grunde ziehen sich digitale Zahlungen durch alle Wirtschaftszweige.“ Und da sie praktisch sind, nehmen sie zahlenmäßig zu. Ein Beispiel: „Elektronische Rechnungen mit integrierten Zahlungsmöglichkeiten werden deutlich schneller beglichen“, stellt Gaston fest. „Dadurch sind traditionelle Rechnungen auf dem Rückmarsch.“

Enorme Kräfte

Aber wie groß können wohl Big E-Commerce und Big Techs werden? Werden sie alle Zahlungen und den E-Commerce insgesamt vereinnahmen?

„Ich glaube nicht, dass es so weit kommen wird“, so Gaston, „denn in Europa und den USA wirken politische Kräfte dem weiteren Machtzuwachs dieser Ökosysteme entgegen.“ Die Regulierungsbehörden in diesen Teilen der Welt verhindern, dass Big E-Commerce und Big Techs so dominant wie Alibaba und Tencent in China werden. Jene Anbieter betreiben allumfassende Ökosysteme von Chat-Diensten über Shopping-Möglichkeiten bis hin zu Finanzdienstleistungen.

Dennoch meint Gaston, dass „die PSPs sich angesichts dieser neuen Entwicklungen wappnen sollten. Sie müssen einsehen, welche enormen Kräfte von Big E-Commerce-Unternehmen und Big Techs ausgehen.“

Gaston geht davon aus, dass Big Techs und Big E-Commerce-Konzerne letztendlich gar keine zusätzlichen Regulierungs- und Aufsichtsmaßnahmen wollen, die mit dem Angebot von immer mehr Finanzdienstleistungen einhergingen: „Denn die sind ihnen ein Dorn im Auge.“ Er führt Apple als Beispiel an: „Mit Apple Play sind sie sehr clever. Sie regeln einfach alles, bis es tatsächlich zur Zahlung kommt. Diesen Part überlassen sie dann einem regulierten Finanzinstitut – und Apple bekommt alle Daten.“

Und genau wie Apple und andere innovative Unternehmen müssen PSPs schauen, wo sie einen Mehrwert bieten können. „Denn wer das gut beherrscht“, so Gaston, „dem gehört die Zukunft.“