Wie wird ISO 20022 den elektronischen Zahlungsverkehr verändern?

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Nick Knuppe
Head of Product Marketing
Kundenfokussiert und marktorientiert: Ein Marketer mit Hang zum Perfektionismus.

Es passiert nicht oft, dass wegen einer neuen ISO-Norm große Begeisterung aufkommt. Bislang gibt es 22.000 solcher Normen, von denen ISO 9001 (Qualitätskontrolle), ISO 27001 (Informationssicherheitsmanagementsysteme) und ISO 14001 (Umweltmanagementsysteme) vermutlich echte Stars sind. Jede Norm soll Ordnung in das Chaos der in geografischen Silos entwickelten Best Practices und Verfahren der jeweiligen Branche bringen.

Der Bereich Bank- und Zahlungsverkehr gilt wegen der Menge an Vorschriften, veralteten Prozessen und einem vielleicht zu spät kommenden Ansatz für Innovationen als einer der schlimmsten überhaupt. Die Globalisierung ist jedoch allgegenwärtig, und dank ISO 20002 befindet sich nun auch der grenzüberschreitende Zahlungsverkehr endlich auf dem Weg ins 21. Jahrhundert. „Das ist äußerst spannend“, sagt Isabel Schmidt, Global Head of Direct Clearing and Asset Account Services bei BNY Mellon Treasury Services. ISO 20022 bedeute „automatische Abstimmungsprozesse, eine höhere Zahlungsgeschwindigkeit und geringere Kosten. Durch die Abschaffung vieler lästiger Dinge und Aktivitäten können alle Akteure in der Zahlungskette ihre Energie und Aufmerksamkeit auf Neues richten. Das bedeutet für unsere Kunden und unser Unternehmen einen echten Mehrwert.“ 

Was ist ISO 20022?

Bei der Norm ISO 20022 geht es um Nachrichtenübermittlung, insbesondere um die Nachrichten, die sich die Banken bei grenzüberschreitenden Überweisungen gegenseitig schicken. Eines der gängigsten Nachrichtennetzwerke ist SWIFT. Es verarbeitet täglich mehr als 46 Millionen Nachrichten. Das Problem ist nur, so Schmidt, dass es nicht das einzige Netzwerk sei. Der Zahlungsverkehr besteht, da es ein großes Stück Patchwork ist, aus vielen verschiedenen Akteuren. ACH, CHAPS, CHIPS – sie alle versuchen das Gleiche, sind jedoch nicht identisch. Die verschiedenen Netzwerke lassen sich jedoch nicht gut miteinander oder mit den Geschäftsprozessen, die sie unterstützen, integrieren.

Nach Angaben von SWIFT wird mit ISO 20022 ein Wörterbuch aus Nachrichten geschaffen, die für alle Finanzinstitute auf der ganzen Welt gleich sind, ähnlich wie in der Luftfahrtbranche. Dahinter steht die Idee, dass eine zentrale Sammlung von Begriffen, Prozessen und Best Practices, die das Vorkommen von Missverständnissen, fehlgeschlagenen Transaktionen und Betrugsfällen erheblich reduzieren wird.

Warum ist ISO 20022 so relevant?

Die Antwort lautet: standardisierte Daten. Das momentane Nachrichtenformat ist unstrukturiert, d. h. es gibt keine Datenfelder. Ohne Vorschriften und Regelungen darüber, was die Nachrichten enthalten oder in welcher Reihenfolge die Daten erscheinen sollen, ist es sehr schwierig, KI oder andere Automatisierungsverfahren auf Abläufe beim Geldtransfer anzuwenden. Wer sich schon einmal mit Datenanalyse beschäftigt hat, weiß, dass unstrukturierte Daten auf Datensatzebene zwar hinreichend klar sind, im großen Maßstab sind sie jedoch ein absoluter Alptraum. 

Die Standardisierung von Nachrichten wird die geografischen Variablen für die Programmierung beseitigen, die Datenanalyse deutlich einfacher machen und alle Geschäftsprozesse hinsichtlich der Zahlungsprozesse insgesamt enorm vereinfachen.

Ist ISO 20022 verpflichtend?

Die ISO hat keine regulatorischen oder rechtlichen Befugnisse, sodass alle von ihr herausgegebenen Normen lediglich optional sind. Fakt ist aber, dass diejenigen, die nicht bereit sind, sich der neuen Norm anzuschließen, ihren Wettbewerbsvorteil schnell verlieren werden, sobald die Norm von der breiten Basis angenommen wird. 

Andrew Foulds, Director of Global Clearing Solutions and Product Management bei Fiserv, erklärt: „Finanzinstitute, die ISO 20022 scheuen, könnten einen Fehler begehen, der sie teuer zu stehen kommen kann, da sie unter zunehmendem Wettbewerbsdruck von Fintechs und BigTech geraten. Diese schlafen nicht und sind sofort bereit, den Platz von Konkurrenten einzunehmen. Und sie entwickeln sich in einem sehr agilen Tempo weiter. Diese technologisch extrem fortschrittlichen Unternehmen haben eindeutig bewiesen, dass sie über die Bandbreite und die Fähigkeiten verfügen, den Wert von Daten zu erfassen und diese zu nutzen, um ihren Kunden maßgeschneiderte Dienstleistungen anzubieten.“

 

Wann tritt ISO 20022 in Kraft?

150 Länder haben die Norm ISO 20022 bereits übernommen, als sie erstmals vorgeschlagen wurde, der Übergangsprozess wird jedoch voraussichtlich noch bis 2025 andauern. In dieser Zeit werden die Finanzinstitute sowohl SWIFT (MT) als auch ISO 20022-Nachrichten (MX) nebeneinander verwenden.

Mehr als 70 Länder, darunter die Schweiz, China, Japan und Indien, haben die Umstellung bereits vollzogen, und mehrere Zahlungssysteme für Kleinbeträge in Europa arbeiten ebenfalls schon mit dem neuen Standard. Wenn Ihre europäische Bank jetzt auch Sofortüberweisungen anbietet, ist es sehr wahrscheinlich, dass sie die Norm ISO 20022 bereits eingeführt hat. 

2022 – SWIFT und die Europäische Zentralbank gehen mit ISO 2022 für Großbetragszahlungen im November an den Start.

TARGET2, ebenfalls in Europa, wird die Norm ISO 20022 im November unmittelbar und vollständig, und nicht schrittweise einzuführen.

2023 – Das Netzwerk CHAPS in den Vereinigten Staaten wird im Frühjahr 2022 mit der Umstellung auf ISO 2002 beginnen und will den Prozess bis Anfang 2023 abschließen. 

2024 – MT- und MX-Nachrichten werden in Australien bis 2024 nebeneinander bestehen.

2025 – ISO 20022 ist der weltweite Standard für Großbetragszahlungssysteme aller Leitwährungen und wird weltweit 80 Prozent des Transaktionsvolumens sowie 87 Prozent des Transaktionswertes unterstützen.

Was ist der Unterschied zwischen Groß- und Kleinbetragszahlungen?

Im Bankwesen wird zwischen Transaktionen unterschieden, die Banken entweder für sich selbst oder im Namen ihrer Firmenkunden, zu denen auch ausländische Banken gehören können, durchführen.

Kleinbetragszahlungen sind Transaktionen, die von allen anderen Teilnehmern des Zahlungsverkehrs veranlasst werden. Dazu gehört alles – von den 5 €, die Sie Ihrem Neffen zum Geburtstag überweisen, bis zu großen Rechnungen, die Unternehmen an ihre Lieferanten zahlen.

In Australien beispielsweise belaufen sich die Großbetragszahlungen täglich auf 122 Mrd. AUD. Da der Durchschnitt der Zahlungen jedoch 3,2 Mio. AUD beträgt, handelt es sich hier lediglich um 38.000 Transaktionen.

Bei den Kleinbetragszahlungen ist es genau umgekehrt: Das Transaktionsvolumen ist insgesamt deutlich höher, der Transaktionsbetrag jedoch viel geringer. Im Jahr 2020 wurden in Europa im Einzelhandel durchschnittlich 294 Millionen Transaktionen pro Tag durchgeführt, wobei der durchschnittliche Wert einer Kartentransaktion 41 € betrug.

 

Was ist der Unterschied zwischen SWIFT- und ISO-20022-Nachrichten?

MX-Nachrichten (ISO 20022) sehen deutlich anders aus als MT-Nachrichten (SWIFT). Anstelle eines Textfeldes mit einigen einzelnen Daten in einem Format, wie es bislang noch bei herkömmlichen MT-Nachrichten der Fall ist, haben MX-Nachrichten 940 separate Felder. Zwar müssen nicht alle Felder ausgefüllt werden, es bedeutet jedoch, dass für den Ausdruck einer MX-Nachricht nun mehrere Seiten anfallen.

Die Entwickler von MX-Nachrichten haben zudem darauf geachtet, das neue Format zukunftssicher zu machen. Falls eine andere Auszeichnungssprache in Zukunft einmal zum Standard werden sollte, lässt sich das aktuelle XML leicht übersetzen.

Warum ist ISO 20022 eine Verbesserung gegenüber SWIFT?

MX-Nachrichten sind vor allem wegen der Daten, die sie übertragen können, besser als MT-Nachrichten. Im Grunde genommen wird sich diese neue Norm aber auf so gut wie alle Aspekte des Bankwesens auswirken.

Innovation

Mehr Daten bedeuten auch mehr Informationen über Kundenverhalten und -bedürfnisse, was wiederum mehr Wettbewerb zwischen Finanzinstituten, Fintechs und Zahlungsabwicklern bedeutet. Um wettbewerbsfähig zu bleiben, müssen die Beteiligten Produkte entwickeln, welche Kunden auf allen Ebenen des Bankwesens nutzen wollen.

Interoperabilität

Geschäftsprozesse laufen deutlich reibungsloser, wenn die Technologie einfach und problemlos funktioniert. Das gilt auch für das Bankwesen. Früher entwickelten und implementierten die Finanzinstitute Standards in einem Silo. Das Ergebnis waren Inkonsistenz, mangelnde Anpassungsfähigkeit und überforderte IT-Abteilungen, die sich mit der Reparatur schlechter Infrastrukturen abgeben mussten, anstatt innovativ zu sein. Ein einziger globaler Standard bedeutet, dass es genauso einfach sein sollte, Geld von Deutschland nach Argentinien zu schicken wie von Deutschland nach Frankreich.

Transparenz

Wenn Unternehmen in der Lage sind, Zahlungen nahezu in Echtzeit abzustimmen, können sie auch ihren Cashflow mit der gleichen Transparenz verwalten. Dies erleichtert Geschäftsprognosen und führt letztlich auch zu besseren Geschäftsentscheidungen. 

Betrug und Compliance

Das XML-Format lässt sich problemlos in nahezu jede Marktinfrastruktur und jedes Zahlungssystem auf der ganzen Welt integrieren. Das bedeutet auch: bessere Analysen, weniger Fehler durch menschliches Versagen, genauere Einhaltung von Vorschriften, verbesserte Sicherheit und Betrugsprävention.

Standardisierung nicht-lateinischer Alphabete

Der Zeichensatz für MX-Nachrichten ist zehnmal länger als der für MT-Nachrichten. Das bedeutet auch deutlich mehr Spielraum für Nachrichten in nicht-lateinischen Alphabeten wie Chinesisch, Russisch oder Griechisch. Asien ist der innovativste Markt der Welt, wenn es um Bereiche des Bankwesens und Zahlungsverkehrs geht. Daher ist es nicht verwunderlich, dass die People's Bank of China bereits vor mehr als zehn Jahren mit der Einführung von ISO 2022 begonnen hat.

Wie wirkt sich ISO 20022 auf den elektronischen Handel aus?

Die beiden wichtigsten ISO 20022-Änderungen, die direkte Konsequenzen für den elektronischen Handel haben, sind: eine höhere Transaktionsgeschwindigkeit und eine effizientere Abstimmung.

Wie stark sich dies auf Ihr Unternehmen auswirkt, hängt von einigen Faktoren ab, so etwa von der Größe Ihres Unternehmens, der internationalen Reichweite und der Art und Weise, wie Sie derzeit Ihre Buchführung handhaben.

Je größer Ihr Unternehmen ist, desto wahrscheinlicher ist es auch, dass Sie größere Zahlungen an internationale Lieferanten vornehmen. Wenn beide an der Transaktion beteiligten Parteien Zahlungsabwickler und Banken nutzen, die ISO 20022 vollständig übernommen haben, werden Sie feststellen, dass Überweisungen schneller abgewickelt werden, insbesondere wenn Transaktionen über zwei verschiedene Länder laufen.

Wenn Ihr Unternehmen einen großen internationalen Kundenstamm hat, ist es wahrscheinlich, dass Sie viele Überweisungen in unterschiedlichen Währungen und zwischen verschiedenen Steuerzonen tätigen. Auch das wird dann einfacher und schneller gehen. Wenn Sie darüber hinaus Ihren Kunden die Zahlmethoden „Zahlung auf Rechnung“, „Überweisung“ oder „Lastschrift“ anbieten, wird die Zeit zwischen der Zahlung seitens der Kunden und der Verbuchung auf Ihrem Konto erheblich verkürzt werden. Diese neue Echtzeit-Transparenz des Cashflows wird Ihnen Ihre Geschäftsprognosen sowie die Bestandsverwaltung erheblich erleichtern.

Die an der Buchhaltung beteiligten Personen werden wahrscheinlich die Veränderungen am stärksten bemerken, insbesondere wenn Ihr Unternehmen so groß ist, dass es eine kommerzielle Buchhaltungssoftware wie SAP nutzt. Aufgrund der standardisierten Felder und der zusätzlichen Informationen in MX-Nachrichten werden die Durchlaufraten (d. h. die Anzahl der Transaktionen, die ohne menschliche Interaktion abgeschlossen werden) in die Höhe schnellen. Die KI-Abstimmungsfunktion Ihrer Buchhaltungssoftware wird zudem in der Lage sein, Zahlungen und Rechnungen deutlich genauer abzugleichen, wenn mehr Informationen zum Vergleich vorliegen.

Dieser Zuwachs der direkten Verarbeitung sollte theoretisch die Gebühren pro Transaktion senken, welche Banken, Kreditkarten und digitale E-Wallets für die Nutzung ihrer Produkte verlangen. Bei diesem Punkt muss jedoch darauf hingewiesen werden, dass selbst die Norm ISO 20022, also die größte Veränderung im Bankwesen seit Jahrzehnten, ihre Grenzen hat.

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